Harkau – Das Leben in einem westungarischen Bauerndorf

Alltag, Kultur, Landwirtschaft und Geschichte eines einzigartigen Dorfes

Harkau war ein Reihendorf mit etwa 1000 Einwohner, beiderseits der Hauptstraße entlang waren die Häuser. Es gab nur eine Nebenstraße, die Deutschkreutzerstraße. Die meisten Häuser waren ebenerdig, es gab nur 3 einstöckige Häuser im Dorf. Das Pfarrhaus, die Bäckerei Lagler und das von größten Bauern, namens Reitter. Die Häuser waren von der Hauptstraße aus nach hinten ausgerichtet. Vorne an der Hauptstraße war die Schlafstube, dann die Küche, danach noch eine kleinere Stube.

Dahinter waren die Kammern und der Stall und dann die Scheune. Ganz hinten war der Garten. Harkau war ein reines Bauerndorf, Handel und Gewerbe gab es kaum. Die meisten Bauern waren Kleinbauern. Sie hatten gerade soviel Ackerland das sie von den Erträgen einigermaßen Leben konnten. Sie hatten 2 Kühe und konnten noch ein, zwei Schweine füttern. Viele hatten noch einen Weingarten. Sonstiges Einkommen hatten sie nicht.

Die größeren Bauern, davon gab es nur wenige, die hatten für die Arbeit auf den Feld Ochsen als Zugtiere, Pferde gab es nur wenige im Dorf. Ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse konnten die Leute nur sehr schwer verkaufen,

Ungarn war ein Agrarland. Wenn die Leute ihre Erzeugnisse auf den Wochenmarkt nach Ödenburg brachten, konnte es geschehen das es ihnen niemand abkaufte oder die Händler warteten bis zum Schluss und kauften es ihnen dann für einen Spottpreis ab. Am besten konnten sie noch die Milch verkaufen. Da gab es die Milchfrauen, die haben bei jedem Wetter das ganze Jahr hindurch im Buckelkorb die Milch in die 6 km entfernte Stadt nach Ödenburg geschleppt. Sie sind schon sehr früh morgens aufgebrochen um ihren Kunden in der Stadt, zum Frühstück die Milch zu bringen. Anfang der vierziger Jahre hatten sich schon etliche der jüngeren Frauen Fahrräder angeschaft, so brauchten sie den weiten Weg nicht mehr zu laufen. Auch das Obst konnten sie in der Stadt gut verkaufen. Mit den Wein hatten die Leute dieselben Probleme, sie wurden ihren Wein nicht los.

Viele haben die Weintrauben gleich an den Händler verkauft, so haben sie sich viel Arbeit erspart. Die größeren Weinbauern haben sich zusammen getan und einen Schankverein gegründet. Es wurden Tische, Bänke und Gläser angeschafft und dann konnten die Mitglieder der Reihe nach jeder 14 tagelang seinen Wein ausschenken. Damals kamen noch viele Leute aus den Nachbarorten aus Österreich, weil der Wein bei uns viel billiger war. So konnten die Leute wenigsten einen Teil ihres Weines verkaufen, den Rest mussten sie halt selber trinken, was wie man, weiß auch nicht immer das gesündeste war

Vor dem 1. Weltkrieg wurde die Bahnlinie von Güns nach Ödenburg gebaut. Laut Planung sollte die Bahnlinie direkt hinter den Dorf vorbei führen und wo die Straße nach Kolnhof führt, hinter den Gärten, sollte der Bahnhof hin. Leider gab es damals einige Bauern die nicht bereit waren das benötigte Land zu verkaufen. Sie meinten man brauche keine Bahn, die paar Kilometer in die Stadt könnte man auch laufen. So kam es, dass die Bewohner des Dorfes für die Fehler von damals später zu leiden haten. Vielleicht hätten mehr Kinder aus den Dorf auf eine höhere Schule in der Stadt gehen können. So war es ihnen nicht  möglich.

Es war den Kinder nicht zu zumuten täglich 12 Kilometer zur Schule in die Stadt zugehen. Busse gab es damals noch nicht und ein Fahrrad konnten sich die wenigsten leisten.

Handel und Gewerbe gab es kaum im Dorf. Es gab 2 Dorfläden wo man das nötigste kaufen konnte, 2 Bäckereien und 2 Wirtshäuser. Im unteren Wirtshaus war noch eine Metzgerei, im oberen Wirtshaus war der große Kultursaal. In den Wirtshäuser gab es nur Wein und Spirituosen, Bier gab es nur bei besonderen Festen.

Durch ihren Bauernstolz den die Leute im Dorf hatten, war kaum jemand bereit ein Handwerk zu erlernen. Dadurch gab es wenige Handwerker im Dorf. Sie arbeiteten meistens in der Stadt, denn bei uns im Dorf gab es für sie nicht viel zu verdienen.

Mit Handel hatten die Leute aus den Dorf auch nicht viel zu tun.. Aber kulturell waren die Harkauer allen voraus. Die Harkauer waren ein sehr musikalisches Volk, in jeden Haus gab es ein Musikinstrument. Es gab 2 Musikkapellen, bei besonderen Anlässen haben sie sich zusammen getan und gemeinsam aufgespielt. Sie haben etliche Preise bei Musikwettstreiten gewonnen. 1862 wurde ein Gesangverein gegründet. Der Harkauer Gesangverein Concordia war der drittälteste Gesangverein von Ungarn. Er hat viele Preise gewonnen, einmal sogar den ersten Preis bei einem Sängerwettstreit in Wien. Da war das Edelweißquartett, vier Männer aus den Gesangverein haben sich zusammen getan und das Quartett gegründet. Sie waren nicht nur im Dorf bekannt sondern auch in der Umgebung. Sie spielten auch jeder ein Musikinstrument und so konnten sie einen ganzen Abend für Unterhaltung sorgen. Es gab die Laien Theatergruppe, die in den Wintermonaten verschiedene Theaterstücke aufführte. Sie wurden sogar in das Stadttheater von Ödenburg eingeladen, wo sie ihre Theaterstücke spielten. Es gab im Dorf einen Leseverein der von Schullehrer geführt wurde.

Es konnte jeder Mitglied werden, wenn er sich verpflichtete den vorgeschriebenen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Mit diesen Einnahmen wurden Bücher angeschafft. Um einen kleinen Geldbetrag konnten die Bücher 14 Tage ausgeliehen werden.

Es gab die Burschenschaft, ab 16 Jahren konnten die Buben in die Burschenschaft aufgenommen werden, vorausgesetzt man konnte es sich leisten. Die Jugendlichen, die sich das nicht leisten konnten, die konnten bei Tanzveranstaltungen mit einen gewissen Beitrag als Mittänzer mitmachen. Als Mittänzer hatten sie aber kein Mitspracherecht.

Bei Tanzveranstaltungen in großen Kultursaal standen die Mädchen in ihren schönen Trachten während der Tanzpause im Halbkreis auf der Tanzfläche, rundherum saßen die Zuschauer. Wenn die Kapelle zum Tanz auf spielte, kamen die Burschen auf die Tanzfläche und suchten sich ihre Tänzerin aus.

Die größte Tanzveranstaltung im Jahr war der Kirchtag, der wurde immer am ersten Sonntag nach den 15.August gefeiert. Der Kirchtag wurde beim oberen Wirtshaus gefeiert. Vor den Wirtshaus wurde eine große Hütte aufgestellt, die wurde dann am Samstag mit frischen grünen Zweigen (Stauran) eingedeckt. Das Stauran holen am Samstag war immer der Auftakt von Kirchtag, die Burschen fuhren in den Wald und wenn sie mit den Zweigen zurück kamen und mit Gesang durchs Dorf fuhren das war schon richtig toll. Am Sonntag wurde dann unter dieser Hütte getanzt.

Am Sonntagvormittag ist die ganze Burschenschaft unter Anführung der Harkauer Musik Kapelle in die Kirche zum Festgottesdienst marschiert, woran auch die ganze Gemeinde teilnahm.

Dann gab es noch die freiwillige Feuerwehr. Einmal im Monat an einem Sonntagnachmittag hatten sie immer vor dem Feuerwehrhaus, das mitten im Dorf war, ihre Übung. Das war für uns Buben immer sehr aufregend da zuzusehen. Da es bei uns keine Wasserleitung gab, gab es mehrere Löschteiche im Dorf. Einer im oberen Dorf hinter der neuen Schule, einer mitten im Dorf bei der katholischen Kirche und im unteren Dorf war der Bach und der Teich. Gott sein Dank wurde die Feuerwehr wenig gebraucht. Soweit ich mich erinnern kann gab es nur einen Brand durch Blitzeinschlag in eine Scheune.

Harkau war ein Bauerndorf in Westungarn. Die Bewohner waren ausschließlich Deutsch und evangelisch. Sie lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft und vom Weinbau. Sie waren sehr musikalisch, es gab 2 Musikkapellen und 1 Gesangverein im Dorf. Es gab 2 Kirchen im Dorf. Die evangelische Kirche wurde im Jahre 1786 und der Turm 1886 erbaut. Die katholische Kirche stammt aus dem 13.Jahrhundert. Es gab 2 Schulen, die Grundschule ein etwas neueres Gebäude und die Hauptschule, die war im Erdgeschoss des Pfarrhauses untergebracht. Die Schulzeit dauerte 6 Jahre, es war jeden Tag, außer Mittwoch und Samstag auch nachmittags Unterricht. Unterrichtet wurde hauptsächlich in deutsch. Ungarisch gab es nur ein paar Stunden in der Woche. In der Schule war es noch sehr streng, es gab noch die Prügelstrafe. Es gab noch Ohrfeigen und der Stock kam auch noch zur Anwendung. Im 6. Schuljahr wurden die Kinder konfirmiert. Die Konfirmation war sehr feierlich, die ganze Gemeinde nahm daran teil. Am Nachmittag wurde dann mit den Taufpaten und mit der Familie ganz groß gefeiert. Für die Buben gab es meistens von den Taufpaten eine Taschenuhr zum Geschenk, die Mädels bekamen eine goldene Halskette oder Ohrringe. Nach der Schulzeit begann für die Jugendlichen der Ernst des Lebens. Sie mussten jetzt schon bei leichteren Arbeiten im Haus und Feld mithelfen. Sie mussten Trinkwasser holen, der Brunnen war etwa 2 km entfernt über der Grenze in Österreich.
Im Sommer und Herbst mussten sie die Kühe hüten. Bei der Ernte und bei der Weinlese mussten sie auch schon mithelfen. In den Wintermonaten war an jeden Mittwoch und Samstag nachmittags die Wiederholungsschule, die ging bis zum 15.Lebensjahr. Dort wurde das allgemeine Wissen wieder aufgefrischt. Ab dem 15. Lebensjahr mussten die Buben jeden Samstagnachmittag zur „Levente“, das war die ungarische Staatsjugend zur vormilitärischen Ausbildung. Die Ausbilder waren Offiziere und Unteroffiziere der ungarischen Armee. Die Zeit bei der Levente dauerte bis zum 21.Lebensjahr und dann kam die Musterung. Die tauglichen mussten für 3 Jahre zum ungarischen Militär. In den Sommermonaten spielte sich das Leben am Abend vorwiegend auf der Gasse ab. Die Erwachsenen saßen in Gruppen vor den Häusern und unterhielten sich, die Jugend war im Dorf unterwegs. Es wurde viel gesungen und gelacht. Als 1938 Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, da hofften die Menschen aus Ödenburg und Umgebung das sie jetzt auch an das Reich angeschlossen würden.

Als 1939 der 2. Weltkrieg begann bekamen wir vom Krieg nicht viel mit. Wir hatten keine Not, es gab noch alles zu kaufen, uns ging es noch ganz gut. Als im Frühjahr 1944 die Ungarn nicht mehr mitmachen wollten, wurde Ungarn von der Wehrmacht besetzt. Durch ein Abkommen der neuen ungarischen Regierung mit dem Reich wurde beschlossen, dass alle Volksdeutschen Männer zur Deutschen Wehrmacht eingezogen werden. Alle Männer die noch bei der ungarischen Armee dienten wurden dort entlassen und mussten alle zur Deutschen Wehrmacht. Bis zu diesen Zeitpunkt war das Dorf vom Krieg verschont geblieben. Nun bekam man auch den Krieg zu spüren. Sämtliche Männer ab den 17.Lebensjahr waren jetzt alle bei der Deutschen Wehrmacht. Laufend kamen jetzt Nachrichten ins Dorf, dass Männer aus den Dorf den Heldentod gestorben sind.

In den Kriegsjahren 1944-1945 flogen täglich große Bomberverbände der Alliierten von Italien kommend über uns hinweg, ihr Ziel war Wiener Neustadt und Wien. Es waren manchmal hunderte von Maschinen. Es war schön anzusehen wenn sie hoch am Himmel vorüber zogen, noch hatten wir ja nichts zu befürchten. Im Sommer 1944 begann die Wehrmacht den Ostwall zubauen. Die ganze Bevölkerung des Dorfes musste mithelfen, es waren hauptsächlich die Frauen und die paar alten Männer die noch zuhause waren. Sie mussten monatelang Panzergräben ausheben und Stellungen bauen. Zur Unterstützung kamen noch 2000 Juden aus Budapest hin zu. Am 15.November 1945 wurden dann noch die letzten jungen Männer, es waren die 16-jährigen zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Es war das letzte Aufgebot. Am 6.Dezember 1944 war der erste große Bombenangriff auf Ödenburg.  Am 10.März 1945 war der zweite große Bombenangriff auf Ödenburg. Die Front kam jetzt auch immer näher und dann Ende März kam der Tag an dem die Jahrhunderte alte Gemeinschaft unseres Dorfes zerbrach. Ein Teil der Einwohner hatten sich entschlossen ihr Dorf, ihre Heimat zu verlassen Sie haben am Gründonnerstag in den frühen Morgenstunden das Dorf verlassen. Nach vielen Wochen unter größten Entbehrungen und Strapazen kamen sie bis nach Frankenburg in Oberösterreich. Im Sommer 1946 wurden sie nach Deutschland ausgewiesen. Dort in Baden-Württemberg im Kreis Sinsheim fanden sie ihre neue Heimat.

Die anderen Harkauer, die daheim geblieben sind, die sind am Karfreitag in den nahen Wald hinaus um sich dort zu verstecken. Am Ostersamstag war die Front schon ganz nah, man hörte schon den Gefechtslage, im Dorf wurde schon gekämpft. Am späten Nachmittag war dann alles vorbei, die Russen hatten das Dorf eingenommen. Den Ostersonntag verbrachten die Menschen im Wald. Am Ostermontag wagten sich die ersten Mutigen in das Dorf. Was sie dort vorfanden war grauenhaft. Mehrere Häuser waren zerstört oder waren von den durchziehenden Truppen geplündert und überall lagen Gegenstände aus den Häusern auf der Straße herum. Die toten deutschen Soldaten lagen auch noch alle da, die Russen haben sie einfach liegen gelassen. Die Männer des Dorfes mussten noch tagelang im Dorf und in der Gemarkung die toten deutschen Soldaten zusammen suchen. Sie wurden in einen großen Massengrab beerdigt. In den ersten Wochen und Monate nach dem Krieg hatten es die daheim gebliebenen Menschen sehr schwer. Die Russen nahmen ihnen alles weg. Für die Frauen war es besonders schwer, sie mussten sich dauernd verkleiden und verstecken. Die Russen waren an sich harmlos, aber wenn sie betrunken waren zogen sie durchs Dorf und suchten Frauen. Im Laufe des Jahres hatte sich das Leben im Dorf wieder einigermaßen normalisiert, die Menschen gingen wieder ihrer gewohnter Arbeit nach. Im Herbst 1945 kamen die ersten Harkauer, die geflüchtet waren, wieder in die Heimat zurück. Manche hatten Pech, ihr Haus war zerstört oder von Fremden besetzt, sie mussten dann bei Verwandten oder Bekannten unterkommen. Es wurden die ersten Weihnachten nach dem Krieg gefeiert. Es waren traurige Feiertage, das halbe Dorf war leer, viele Männer waren noch weg und es waren schon viele Fremde im Dorf. Es war alles sehr trostlos.