Die Vertreibung der Harkauer – Das Ende einer Heimat

Flucht, Verlust und Neuanfang – Erinnerungen an das Jahr 1946

Am Gründonnerstag 1945, ein Jahr vor der Vertreibung der Harkauer, endete schon die jahrhundertealte Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit unseres Dorfes Harkau. Die Hälfte der Bewohner unseres Dorfes hatte sich entschlossen, ihr Dorf, ihre Heimat zu verlassen. An diesem Gründonnerstag in den frühen Morgenstunden verließ ein langer Zug von Wagen, mit Kühen bespannt und mit dem Notwendigsten beladen, das Dorf. Sie hatten kein bestimmtes Ziel, sie wollten einfach nach Westen, um den Russen zu entkommen. Sie kamen nach wochenlangen Strapazen und Entbehrungen bis nach Frankenburg in Oberösterreich. Dort wurden sie bei den Bauern untergebracht.

Die andere Hälfte der Harkauer, die zu Hause geblieben war, ging am Karfreitag in den nahen Wald hinaus, um sich dort zu verstecken. Sie hatten ja auch Angst vor den Russen und wollten dort abwarten, bis die Kriegshandlungen vorbei sind. Am Ostersamstag, am späten Nachmittag, nach stundenlangem Kampf, wurde das Dorf von den Russen eingenommen. Den Ostersonntag verbrachten die Menschen im Wald. Am Ostermontag wagten sich die ersten Mutigen in das Dorf, und was sie dort vorfanden, war grauenhaft. Mehrere Häuser waren zerstört, überall auf der Straße lagen Gegenstände aus den Häusern herum, die von den durchziehenden Truppen geplündert worden waren. Auch die toten deutschen Soldaten lagen noch alle da, die Russen hatten sie einfach liegen gelassen. Sie wurden von den Männern des Dorfes auf dem Friedhof in einem Massengrab begraben. Ihre Angehörigen werden nie erfahren, wo sie ihre letzte Ruhe gefunden haben.

In den ersten Wochen und Monaten nach dem Krieg hatten es die Menschen im Dorf nicht leicht. Die Russen nahmen ihnen immer alles weg. Die Frauen mussten sich dauernd verkleiden und verstecken. Die Russen waren an sich harmlos, aber wenn sie getrunken hatten, zogen sie durchs Dorf und suchten Frauen. Bis zum Herbst hatte sich das Leben im Dorf wieder einigermaßen normalisiert. Die meisten Geflüchteten kamen wieder ins Dorf zurück. Manche hatten Pech – ihr Haus war von Fremden in Besitz genommen. Sie mussten dann bei Verwandten oder Bekannten unterkommen. Dann wurden die ersten Weihnachten nach dem Krieg gefeiert. Es waren sehr traurige Feiertage.

Anfang 1946 gab es die ersten Gerüchte, dass die Volksdeutschen in das ehemalige Deutsche Reich ausgesiedelt würden. Die Menschen im Dorf konnten sich so etwas gar nicht vorstellen. So gingen sie noch ihrer gewohnten Arbeit nach. Im Wald wurde Holz gemacht, in den Weingärten wurden die Reben geschnitten und die Felder wurden bestellt. Doch irgendwie kündigte sich schon etwas an. Es kamen laufend fremde Menschen in das Dorf, mit wenig Gepäck. Einzeln und in Gruppen zogen sie durchs Dorf, suchten sich die schönsten Häuser aus, die leer standen, und nahmen sie in Besitz.

Die Hälfte der Harkauer war in den letzten Kriegstagen nach Österreich geflüchtet. Im April kam dann die Nachricht, die für das Dorf zum Schicksal wurde. Im Bürgermeisteramt wurde eine Liste ausgehängt mit den Namen aller, die ihre Heimat verlassen mussten. Alle gingen hin, um zu sehen, ob man auch auf der Liste stand. Viele dachten insgeheim, dass sie vielleicht von der Vertreibung verschont bleiben würden. Aber wie sich bald herausstellte, war alle Hoffnung vergebens. Nur eine Familie durfte bleiben – und warum, ist bis heute nicht bekannt.

Da nun feststand, dass die Menschen ihre Heimat verlassen müssen, war die Stimmung im Dorf sehr bedrückend. Es war kein Leben mehr im Dorf, die Menschen waren lustlos. Das Arbeiten machte keinen Sinn mehr. Die Menschen saßen in Gruppen vor ihren Häusern und diskutierten über ihre Zukunft, die ja sehr ungewiss war. Es gab damals viele Gerüchte. Es hieß, die bringen sie bis zur Grenze, nehmen ihnen alles weg, und dann kommen sie wieder zurück in die Heimat.

In der letzten Woche vor der Vertreibung kam ein großes Polizeiaufgebot ins Dorf, besetzte alle Ausgänge vom Dorf, sodass niemand mehr das Dorf verlassen konnte. Und dann kam der Tag, der immer in Erinnerung bleiben wird. Es war der Sonntag, der 12. Mai 1946, ein Tag, an dem für ein Dorf und seine Menschen eine jahrhundertealte Kultur auf einen Schlag ausgelöscht wurde. Ein Dorf hatte aufgehört zu bestehen. Für die Menschen, die hier lebten und glücklich waren, war alles vorbei.

An diesem Sonntagmorgen um 7 Uhr wurde mit der Räumung des Dorfes begonnen. Da der Bahnhof etwa 2 km vom Dorf entfernt war, mussten die Menschen mit Pferde- oder Kuhgespannen zum Bahnhof gebracht werden. Am unteren Dorfende ging es los. Ein Wagen nach dem anderen, vollgepackt mit Kisten und Bündeln, rollte durch das Dorf. Die Älteren saßen auf den Wagen, die Jüngeren gingen nebenher. Man sah keine Tränen – die Menschen waren geschockt, sie konnten nicht einmal weinen.

Um 12 Uhr läuteten die Glocken zum letzten Mal. Als dann die Glocken verstummten, ging der Kolb Karl Vetter zum Kriegerdenkmal und spielte mit seiner Trompete das Lied: Heimat, deine Sterne. Die Menschen standen da und nahmen mit einem stillen Gebet Abschied von der Heimat. Dann wurde bei den Wagen noch das Gepäck kontrolliert, und manches den Leuten noch weggenommen. Anschließend war die Fahrt frei zum Bahnhof.

Am Bahnhof stand schon ein Güterzug bereit. Zu je 30 Personen wurden sie dann in einen Waggon verfrachtet. Es war sehr eng in den Waggons, es war kaum Platz zum Hinlegen. Es war grausam, was den Menschen in den 8 Tagen Zugfahrt zugemutet wurde. Die Nacht verbrachten die Menschen am Bahnhof. Am nächsten Tag frühmorgens ging die Fahrt ins Ungewisse los. Unter englischer militärischer Zugbegleitung ging es in Richtung Grenze. Leider gab es an der Grenze keinen Aufenthalt mehr. Die Fahrt ging weiter, es gab kein Zurück mehr. Die Fahrt ging über Wien, Linz und bei Passau über die deutsche Grenze. Hier gab es vom Roten Kreuz warmen Kaffee. Dann ging die Fahrt weiter in Richtung Norden.

Sie fuhren schon tagelang, und die Menschen wurden immer stiller und nachdenklicher. Als sie durch die Rhön fuhren – eine hügelige Landschaft – da war die Natur noch weit zurück. Als sie von Harkau wegfuhren, war dort schon alles grün, die Kirschen waren schon reif. Ein alter Harkauer, der das sah, rief: „Leute, wir sind verloren, wir werden alle verhungern. Hier wächst ja nichts.“

Die Fahrt ging weiter über Fulda nach Bebra – das war an der Zonengrenze zur Sowjetzone. Plötzlich kam die Angst auf: Wir kommen wieder zu den Russen! Gott sei Dank – am nächsten Tag wurde die Richtung geändert, und es ging nach Süden, über Kassel nach Marburg. Mittlerweile waren sie schon 6 Tage unterwegs.

Am Samstag, den 18. Mai 1946, kamen sie in Marburg an der Lahn an. Hier wurde der Transport aufgelöst. Sie wurden im Kreis Marburg auf 22 Ortschaften verteilt.

Achtung: Harkauer Vertreibungsliste1946 - Waggonliste

Möchte darauf hinweisen ,dass die oben genannte Liste von Robert Steiner unter www.steinerlh.de zu finden ist.